Zwilchhosen «made in USA»
Schuler zu Besuch bei den Bösen in Kalifornien

Während die Schwingsaison bei uns vorbei ist, wird in Übersee noch kräftig Sägemehl aufgewirbelt. BLICK hat die bösen Amis besucht.
Publiziert: 14.09.2015 um 20:05 Uhr
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Aktualisiert: 30.09.2018 um 19:50 Uhr
Christian Schuler besucht Schwingfest in Kalifornien
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:Christian Schuler besucht Schwingfest in Kalifornien
Von Marcel W. Perren (Text) und Sven Thomann (Fotos) aus Ripon (USA)

Verkehrte Welt im Herzen Kaliforniens: In der 12'500-Einwohner-Stadt Ripon ist von «Stars and Stripes» nichts zu sehen, stattdessen grüsst das Schweizer Kreuz vom Fahnenmast. Im Land der Hot Dogs und Hamburger duftet es zudem verführerisch nach Olma-Bratwürsten, die ein aus Deutschland eingewanderter Metzger nach einem St. Galler Rezept in den Darm gestopft hat. Und über die Platzlautsprecher ertönt anstelle von Bruce Springsteens «Born in the USA» Wisel Schilligers «Heirassa Polka».

Das plötzliche Heirassa in Amerika ist auf das alljährliche Schwingfest zurückzuführen, das US-Bürger mit helvetischen Wurzeln im «San Joaquin Valley Swiss Club» durchführen. Als Obmann der rund 30 registrierten «Swiss Wrestler» in Kalifornien agiert Teddy Betschart aus Modesto. Der 52-jährige Nachkomme eines Schwyzers gehörte in jungen Jahren zu den stärksten Amis in Zwilchhosen. Teddy erzählt von seinem grössten Erfolg: «In den 80er Jahren konnte ich hier in Ripon einen Gang gegen den legendären Schwyzer Kranzfestsieger Franz Schuler gewinnen!»

Jetzt wird in der Schuler-Betschart-Story das nächste Kapitel geschrieben: Franz Schulers Sohn, der dreifache Eidgenosse Christian (27), ist ebenfalls von Rothenthurm SZ nach Ripon gereist und trifft im Anschwingen auf Teddys Junior Andrew (22). Dieser liegt in der amerikanischen Jahrespunkteliste an zweiter Stelle und will 2016 am Eidgenössischen in Estavayer in die Hosen steigen. Daher ist er vor dem ersten Bewährungstest gegen einen richtig Bösen besonders motiviert. Mit T-Shirt und Jeans bekleidet begrüsst der Sennenschwinger Made in USA den Schwyzer Gast mit kräftigem Händedruck.

Doch es dauert lediglich drei Sekunden bis Schuler nach einem herrlichen Plattwurf der grossen Ami-Hoffnung die Sägespäne vom Rücken putzt. Im zweiten Gang macht der zehnfache Kranzfestsieger mit Amerikas Antwort auf Chrigu Stucki ähnlich kurzen Prozess: der 150-Kilo-Mann Lujan Morgan wird von Schuler nach 21 Sekunden aufs Kreuz gelegt.

Am Platzrand betreibt ein bärtiger Mann aus dem mit Nidwaldner Wappen beklebten Lehnstuhl heraus Ursachenforschung für die Überlegenheit des Gasts aus der Eidgenossenschaft. Es ist John Ming, der 1977 beim Eidgenössischen in Basel als einer von bislang drei US-Schwingern den Eidgenössischen Kranz gewinnen konnte. «Wir hätten hier zwar einige talentierte Schwinger, leider mangelt es diesen Burschen aber an den Trainingsmöglichkeiten», glaubt Ming und wird konkret: «Am meisten machen uns hier die riesigen Distanzen zu schaffen. Der Sohn von Teddy Betschart muss beispielsweise vier Stunden Auto fahren, wenn er mit einem Schwinger in seiner Leistungsklasse trainieren möchte. Darum trainiert er meistens mit seinem in die Jahre gekommenen Vater im Garten, während sich einer wie Schuler in der Schweiz mehrmals in der Woche mit Top-Leuten messen kann.»

Nachdem Schuler in seinem dritten Fight mit Michi Briker einen neunfachen Kranzgewinner aus dem Kanton Uri ebenfalls im ersten Zug bodigt, bekommt er es mit einem California Boy zu tun, der heuer am Schaffhauser Kantonalen sein erstes Eichenlaub erkämpft hat. Sein Name: Frank Kaech. Immerhin kann der «chäche» Frank dann auch Schulers ersten Angriff abwehren. Im zweiten Zug ist es aber auch um Kaech geschehen.

Schulers vorletztes Opfer ist der Westkalifornier Jacob Schellenberger, der zuvor mit einem Sieg gegen den Thurgauer Hans Notz (fünf Kränze) überrascht hat.

Im Schlussgang überfährt Chrigel wie schon im dritten Gang den Urner Michi Briker im ersten Zug. Anders ausgedrückt: Nachdem Schuler in 14 Stunden die 9344 Kilometer von Rothenthurm nach Ripon zurückgelegt hat, benötigt er lediglich eine Minute und 26 Sekunden für sechs Siege.

Der aus dem Kanton Obwalden stammende Platzsprecher Leo Durer schreit begeistert in sein Mikrofon: «We had a wonderful schwingfest today!

Give a big hand for Christian Schuler!» Und die rund 400 Zuschauer klatschen tüchtig in die Hände.

Als Preis bekommt der Sieger hier zwar keinen Muni, dafür darf sich Schuler die Ehren-dame für die Kranzübergabe aussuchen. Er entscheidet sich für eine Bekannte eines US-Schweizer Namens Urs Gwerder. Der gebürtige Muotathaler ist vor 23 Jahren wegen einem besonders schönen «Lebendpreis» ausgewandert: «Nachdem ich in der Schweiz zehn Kränze erschwungen habe, nahm ich zum Plausch an einem Schwingfest in den USA teil. Dort hat mir meine Kranzdame so gut gefallen, dass ich sie geheiratet habe und seitdem in der Nähe des Lake Tahoe lebe.»

Und Schuler? Er wird trotz dem Sexappeal der attraktiven Kranz-dame seinen Wyberhaken frühestens am nächsten Samstag auspacken, wenn er zu seiner Frau Esther heimkehrt.

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