Rückschlag für Energiewende auf Dächern?
In jeder zweiten Gemeinde machen Solaranlagen Verluste

In jeder zweiten Schweizer Gemeinde machen Privatpersonen mit Solaranlagen auf dem Hausdach einen Verlust. Laut einer neuen Studie von Forschenden der Universität Bern und der ETH Zürich bremst das den Solarausbau in der Schweiz.
Publiziert: 02.02.2023 um 10:31 Uhr
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Aktualisiert: 03.02.2023 um 17:57 Uhr

Bruno Stampfli (69) ist ein Beispiel von vielen. Seit 2013 betreibt der pensionierte Metzger auf seiner Gewerbehalle in Schattdorf UR eine Solaranlage, die etwa 25 Haushalte mit Strom versorgen kann. Wegen der hohen Strompreise müsste es in der Kasse des Seniors zünftig klingeln – tut es aber nicht: «Ich bin kurz davor, die Anlage einfach abzuschalten. Es ist einfach nicht fair.»

Das Problem: Seit 2018 bezieht Stampfli für seinen Strom eine finanzielle Förderung vom Bund, die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Mit den steigenden Preisen wurde die Förderung aber zum Bremsklotz. Das zeigt: nach wie vor hat die Solarenergie in der Schweiz immer wieder einen schweren Stand.

Kaum ehrgeizige Fördermassnahmen

Darauf deutet auch eine neue Studie: Um ihre Klimaziele zu erreichen, müsse die Schweiz ihre Stromerzeugung aus Sonnenenergie massiv erhöhen. «Dafür müssen wir das Potenzial auf den Dächern nutzen», sagte Studienleiter Tobias Schmidt von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich).

In jeder zweiten Schweizer Gemeinde machen Privatpersonen mit Solaranlagen auf dem Hausdach einen Verlust.
Foto: Keystone
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Insgesamt fänden sich in den Kantonen und Gemeinden aber nur wenige Beispiele von wirklich ehrgeizigen Massnahmen zur Förderung des Photovoltaik-Zubaus, schreiben die Autoren in der am Donnerstag veröffentlichten Studie. Auch auf Kantonsebene würden nur wenige ihren politischen Spielraum nutzen, um Haushalten und Investoren mehr finanzielle Anreize für Solaranlagen zu bieten.

Grosse Unterschiede zwischen den Gemeinden

Die Unterschiede zwischen den Gemeinden sind dabei laut der Studie beträchtlich. Während man in den Gemeinden Emmeten (NW) oder Ennetbürgen (NW) bei derzeitigen Tarifen mit einer Solaranlage über eine Lebenszeit von 30 Jahren fast 18'000 Franken Gewinn machen kann, würde man in Kappel am Albis (ZH) mit der gleichen Anlage theoretisch über 6000 Franken Verlust machen.

Beeinflusst werden diese unterschiedlichen Preise laut der Studie durch diverse Faktoren. So spielen unterschiedliche Politiken in Kantonen und Gemeinden bei Bauvorschriften, Subventionen und der steuerlichen Behandlung von Photovoltaikanlagen eine Rolle.

«Den grössten Einfluss hat aber eine Kombination aus den Strompreisen und dem Erlös, den man für die Einspeisung von Solarstrom erhält», erklärte Schmidt. So bieten die 630 Stromversorgungsunternehmen in der Schweiz sehr unterschiedliche Einspeisetarife für Solarenergie (5 bis 22 Rp/kWh) sowie Strompreise (10 bis 32 Rp/kWh) an.

Bei Mehrfamilienhäusern lohnt es sich fast immer

Da der Einkaufspreis von Strom höher ist als der Einspeisetarif, lohne sich eine Solaranlage grundsätzlich für Häuser mit einer Wärmepumpe – und damit einem höheren Eigenbedarf an Strom – eher, als bei Häusern mit einer Gasheizung. Zudem spiele auch die Grösse des Hauses eine Rolle. «Bei Mehrfamilienhäusern mit grösseren Dächern lohnt sich eine Solaranlage fast immer», sagte Schmidt.

Wegen der grossen Rolle der Netzbetreiber entscheiden teilweise innerhalb eines Kantons bereits wenige Kilometer darüber, ob der eigene Solarstrom rentabel ist, hiess es in einer Mitteilung der ETH Zürich. So auch im Kanton Zürich: In Rümlang würde bei den derzeitigen Tarifen eine Anlage für ein Einfamilienhaus mit einer Leistung von 12 kW über eine Lebenszeit von 30 Jahren eine Rendite von sechs Prozent oder 7000 Franken abwerfen.

Im 6,5 Kilometer entfernten Kloten würde man mit der gleichen Anlage einen leichten Verlust machen. Ausschlaggebend dafür ist neben dem Strompreis erneut die stark unterschiedliche Vergütung der lokalen Netzbetreiber: So erhielt man in Rümlang 2022 16,97 Rappen pro Kilowattstunde, während man in Kloten nur 6,10 Rappen pro Kilowattstunde bekam.

Mehrheit der Kantone fördert zu wenig

Die Studienautoren haben dabei keine Tendenzen feststellen können, sagte Schmidt: «Es ist wirklich ein Flickenteppich.» Untersucht haben sie etwa, ob es einen Stadt-Land-Graben gäbe, oder einen Unterschied zwischen Bergregionen und dem Mittelland.

Um den Solarausbau zu beschleunigen, empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die unterschiedlichen Vorschriften und Vergütungen in der Schweiz anzugleichen. «Die ausgeprägten föderalistischen Strukturen führen im Falle der Photovoltaik dazu, dass eine Mehrheit der Kantone deren Ausbau zu wenig aktiv fördert», sagt Schmidt.

«Eine Harmonisierung über verbindliche und ambitiösere Standards wäre nötig», schreibt Mitautorin Isabelle Stadelmann von der Uni Bern in der Mitteilung der ETH Zürich. Insbesondere brauche es dafür eine Angleichung der Einspeisetarife der Netzbetreiber. Zudem schlagen die Studienautorinnen und -autoren vor, Solaranlagen in allen Kantonen von Steuern zu befreien. (SDA)

Das ist die grösste Solaranlage der Schweiz
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In Onnens VD:Das ist die grösste Solaranlage der Schweiz
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